Sind Kindererholungen noch nötig?

Gelegentlich werden wir gefragt, ob die Erholungsferien für Kinder aus Belarus bei uns in S-H 27 Jahre nach der Tschernobylkatastrophe immer noch erforderlich sind. Die Argumente und Begründungen dafür sind nicht ganz einfach, da Radioaktivität etwas Unfassbares ist, schwer vermittelbar und nicht für Jedermann verständlich. Andere Katastrophen, wie z.B. Erdbeben, Überschwemmungen, Wirbelstürme kann man wahrnehmen, sehen und mitempfinden, auch wenn man selber nicht betroffen ist. Radioaktivität entzieht sich allen menschlichen Sinnesorganen und es bedarf einiger physikalischer Grundkenntnisse, um ihren Segen und Fluch verstehen zu können.
Die enorme Menge radioakativer Stoffe, die in Tschernobyl unkontrolliert freigesetzt worden sind, werden die belarussische Bevölkerung noch Jahrhunderte verfolgen. Die Zerfallsprodukte der ursprünglichen Ausgangsstoffe sind zum Teil noch gefährlicher für den menschlichen Organismus und haben eine längere Halbwertszeit. Für Interessierte sei der gut verständliche Artikel von W.D. Roth aus dem Jahre 2005 empfohlen, der noch lange Gültigkeit haben wird: http://www.heise.de/tp/artikel/20/20647/1.html.

Eine der Hauptgefahren ist die zunehmende Alphastrahlung, die über die Atmung und mit der Nahrung in den Körper gelangt und besonders bei Kindern langfristig erhebliche gesundheitliche Schäden hervorrufen kann oder bei Schwangeren zu Erbstörungen führt. Da sich der Großteil der Bevölkerung von heimischen Produkten und aus dem eigenen Schrebergarten ernähren muß, sind die belorussischen Menschen jeden Tag und ein Leben lang der dauerhaften, erhöhten Zufuhr von radioaktiven Stoffen ausgesetzt, ohne jemals die Möglichkeit zu haben, unbelastete Nahrung aufnehmen zu können und in sauberer Umgebung die im Körper gespeicherte Strahlung ausscheiden zu können. Das ist der Grund, weswegen wir die Kinder zu uns nach S-H holen, da wir hier für beides garantieren können.

Welchen Nutzen haben die Erholungen für die Kinder?
Nach Untersuchungen führender Nuklearbiologen und -mediziner in Belarus und in Deutschland bringt ein Erholungsaufenthalt von 3-4 Wochen bei uns einen Regenerationseffekt von 6 – 9 Monaten, verbunden mit einer verbesserten Immunlage und Ausgleich von Mangelerscheinungen an Vitaminen und Spurenelementen. Was nicht gemessen werden kann, sind die menschlichen Begegnungen, Erfahrungen und Erlebnisse, die die Kinder hier erleben dürfen und sie für ihren weiteren Lebensweg formen werden.

Zusammengefasst können wir die Eingangsfrage: „Sind Erholungsferien für Tschernobylkinder aus Belarus noch nötig?“ aus medizinischen und humanitären Gründen mit einem eindeutigen
JA
beantworten. Also lasst uns nicht müde werden, uns weiter zu engagieren. Packen wir es an! Es gibt noch viele Jahre zu tun.

Wanderup, November 2013
Henri Westphal